Wieviel Vermögen braucht man als Privatier

Wieviel ist genung?

Im Bondboard wird zurzeit diskutiert, wieviel Vermögen man als „Privatier“ so auf der hohen Kante haben sollte. Die genannte Bandbreite geht dabei von 500 TEuro bis hin zu 12 Mio. Euro.
Was ist denn nun der richtige Wert? Ohne meinen Anwalt sage ich hier nichts … denn wie so häufig im Leben kommt es darauf an und zwar auf die monatlichen Ausgaben, die erzielbare Rendite, die Inflation, die Steuerlast, die Frage ob das Vermögen aufgezehrt werden kann oder nicht, sonstige Einkünfte und „Mister Market“!

Die monatlichen Ausgaben

In einem ersten Schritt gilt es daher die monatlichen Ausgaben an Hand von Kontoauszügen oder dem eigenen Haushaltsbuch zu ermitteln. Es empfiehlt sich hierbei die durchschnittlichen Kosten der letzten Jahre zu betrachten, um positive wie negative Einmaleffekte entsprechend zu glätten. Weiterhin ist zu überlegen, welche möglichen Änderungen sich in den monatlichen Kosten nach dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben ergeben. Welche Ausgaben fallen weg bzw. werden geringer? Beispielhaft fallen mir hier die Kosten für die tägliche Fahrt zur Arbeit, für einzelne Versicherungen und für „Businessklamotten“ ein. Steigende Kosten werden sich vor allem im Freizeitbereich ergeben, denn welcher Privatier möchte schon den ganzen Tag nur auf der Couch sitzen und Trash-TV schauen? Aber auch die, nach dem Wegfall des Arbeitgeberanteils, höheren Kosten für die persönliche Krankenversicherung darf man dabei nicht aus den Augen verlieren. Ferner sollte eine monatliche Umlage / Rücklage für größere Ausgaben (neues Auto, neue Heizung, etc.) berücksichtigt werden.

Die (zukünftig) erzielbare Rendite

Googelt man ein wenig zum Thema „historische Renditen“ von Aktien so findet man Werte zwischen 6 und 9 Prozent. Hierbei hängt es vom betrachteten Index sowie vom Betrachtungszeitraum ab, ob man sich eher am oberen oder am unteren Ende der Bandbreite wiederfindet. Persönlich habe ich in den letzten 10 Jahren eine Wertentwicklung von rund 8 Prozent p.a. erzielt. Dennoch würde ich diesen Wert nicht als zukünftig dauerhaft erzielbare Rendite ansetzen. Als „vorsichtiger Kaufmann“ rechne ich langfristig lieber mit einer Rendite von 6 Prozent.

Die Inflation

Wie wir beim Finanzwesir lesen können, ist der „Endlevelgegner“ eines jeden Anlegers die Inflation. Die Inflationsrate zw. 1992 und 2012 schwankt dabei zwischen 0,3 und 5,1 Prozent. Das arithmetische Mittel über die letzten 20 Jahre liegt bei rund 2 Prozent. Das heißt, die Ausschüttungen aus dem Vermögen müssen jährlich um mindestens 2 Prozent steigen um den Lebensstandard entsprechend zu halten. Wer auf der sicheren Seite sein will, sollte lieber mit 3 Prozent Inflationsrate kalkulieren.

Die Steuerlast

Bekanntlich sind in Deutschland aktuell 26,375 Prozent Kapitalertragssteuer inkl. Solidaritätszuschlag auf Kapitalerträge zu zahlen (ggf. zzgl. Kirchensteuer). Rund ein Viertel der Zins- bzw. Dividendenzahlungen geht also an Vater Staat. (Wer das nicht möchte sollte sich über eine Auswanderung ins außereuropäische Ausland Gedanken machen). Persönlich gehe ich eher von steigenden Steuersätzen aus. Sätze zwischen 30 und 35 Prozent wären für mich daher keine Überraschung und sollten in die Berechnung mit einfließen.

(teilweiser) Vermögensverzehr

Will man „nur“ von den Zinsen leben oder auch (teilweise) das Vorhandene Kapital verzehren? Einfacher (sicherere) ist es nur die Verzinsung in die Kalkulation einzubeziehen. So erhält man bei einem Kapital von 1 Mio. Euro, einer laufenden Verzinsung von 5,5 Prozent und 26,375 Prozent Steuerlast ein monatliches Budget von rund 3.300 EUR (allerdings ohne Berücksichtigung der Inflation). Sinkt die laufende Verzinsung, muss man entsprechend Wertpapiere verkaufen, um das gewohnte Budget von 3.300 EUR weiterhin zur Verfügung zu haben. Hier stellt sich dem zukünftigen Privatier die Frage, wie lange das Kapital reichen muss. Sind es 30, 40 oder gar 50 Jahre? Je länger es reichen muss, umso geringer fallen die jährlichen Wertpapierverkäufe aus. Und dann ist da auch noch Mister Market (s.u.) …

Als „vorsichtiger Kaufman“ sollte man daher nur den teilweisen Kapitalverzehr(z.B. nur 75 Prozent) in seine Berechnung einbeziehen. Das hat den positiven Nebeneffekt, dass man an kommende Generationen noch was vererben kann 😉

Die sonstigen (passiven) Einkünfte

Auf welche Einkünfte kann der Privatier sonst noch zurückgreifen. Der eine oder andere erhält sicherlich (später) Zahlungen aus der gesetzlichen oder privaten Rentenversicherung. Oder er verfügt beispielsweise über vermietete Immobilien, verpachtetet Ackerflächen oder ein paar renditeträchtige Nischenwebseiten. Diese laufenden Einkünfte tragen einen Teil der monatlichen Ausgaben. Folglich müssen die Erträge aus dem Wertpapierportfolio „nur“ noch die verbleibenden Kosten tragen. Aber auch hier sollte man nicht zu optimistisch in die Zukunft blicken und lieber mit einem Sicherheitspuffer kalkulieren. Beispielsweise sollte man bei der gesetzlichen Rentenversicherung ohne zukünftige Rentensteigerungen kalkulieren.

„Mister Market“

„Gute Zeiten … Schlechte Zeiten …“ gibt es bekanntlich auch an der Börse. Denkt man an das Platzen der „Dotcom-Blase“ Anfang des Jahrtausends zurück, kann einem das ganz schön die Stimmung vermiesen. Insbesondere dann, wenn man den Verzehr des Kapitals in seine Überlegungen einbezogen hat. Selbst wenn man „nur“ mit den Zinseinnahmen kalkuliert kann es, je nach Depotdiversifikation, eng werden wenn ein Schuldner ausfällt oder sich der aktuelle Markttrend fortsetzt und die Verzinsung weiter fällt. Diesen Effekt sollte der zukünftige Privatier in seiner Prognoseberechnung z.B. mittels x Prozent Kapitalverlust im Jahr x des Privatierlebens simulieren.

Was heißt das nun für die Praxis:

Mit ein wenig googlen stößt man auf den Begriff „Safe Withdrawal Rate“ auf Deutsch „sichere Entnahmerate“. Sie gibt an, über wieviel Prozent des Vermögens man jährlich verfügen kann ohne Gefahr zu laufen, dass am Ende des Kapitals noch zu viel Lebenszeit übrig ist. Mr. Money Mustache schwört dabei auf eine Rate von 4 Prozent. Dieser Prozentsatz ergibt sich aus einer durchschnittlichen Rendite von 7 Prozent abzüglich Inflation. Basis hierfür ist der Backtest eines Portfolios von je 50 Prozent Aktien und Anleihen für unterschiedliche 30-Jahreszeiträume zwischen 1925 und 1995 im Rahmen der sogenannte Trinity Studie. Multipliziert man nun die monatlichen Ausgaben mit dem 12 fachen reziproken Zinssatz (1/0,04 = 25 *12 = 300) so erhält man einen für die erste Planung ausreichenden Wert. Je nach Sicherheitsbedürfnis lässt sich dieser Wert nach unten anpassen.

Wie lange dauert so etwas im Durchschnitt?

Wer wissen möchte, wieviele Jahre er noch (vor dem Hintergrund dieser Annahmen) von seinem großen Ziel entfernt ist, sollte sich diesen Artikel durchlesen. Darüber hinaus hat Bloggerkollege Jan mit dem Finanziellen Freiheitsfaktor einen interessanten Faktor zur „Lagebestimmung“ vorgestellt.

Fazit

Persönlich kalkuliere ich mit dem 360 fachen der monatlichen Ausgaben – was einer Inflationsbereinigten Rendite von 3,3 Prozent p.a. entspricht. Wer es genauer wissen möchte, sollte ein wenig mit dem im WPF vorgestellten Excel-Kalkulator spielen. Hier können Vermögen, Rendite, zusätzliche Einkünfte, Inflation, etc. eingegeben werden um zu sehen, wie viele Jahre man mit dem Gewählten Vermögen über die Runden kommt.

Wünsche Euch viel Spaß beim rechnen!

Foto: © Tony Hegewald / pixelio.de

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21 Comments

  1. Der Privatier 19. Juli 2014
    • Geldsack Geldsack 22. Juli 2014
  2. Alex von Reich-mit-Plan.de 8. September 2014
  3. PepsiOwner 25. September 2014
    • Geldsack Geldsack 26. September 2014
  4. Björn 9. Oktober 2014
  5. egghead 23. Juli 2015
    • Geldsack Geldsack 27. Juli 2015
  6. Bastian 21. Oktober 2015
    • Geldsack Geldsack 2. November 2015
  7. Kevin 10. Dezember 2015
    • Geldsack Geldsack 14. Dezember 2015
  8. Kevin 24. Dezember 2015
    • Geldsack Geldsack 29. Dezember 2015
  9. Finanzielle Freiheit 5. Juni 2016
  10. Alexander Schmitt 21. August 2016
    • Geldsack Geldsack 24. August 2016
  11. Andreas 17. September 2016
    • Geldsack Geldsack 20. September 2016
  12. Marius 13. April 2017
  13. Jessica und Marcel 3. Mai 2017

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